Die Bad-Idee – der steinige Weg in die knallharte Wirklichkeit

 

Die Bad-Idee – am Beispiel Boppard

Meist hat das Aufkeimen einer Idee für ein neues Bad einer Gemeinde mit Geld zu tun. Meist nicht mit zuviel Geld, aber dafür mit Defizitbeträgen im Gemeindehaushalt. Und das ist häufig der Beginn eines langen und immer länger werdenden Weges. Irgendwann und Jahre später steht er dann da, der Badtempel. Leider hat er im Stadium der Fertigstellung und erst recht des Betriebes viel oder alles von seiner Anbetungswürdigkeit verloren. Die Gemeinde ist unglücklich, weil das Defizit nicht zumindest auf die schwarze Null zurückgeführt werden konnte. Oder weil das ausgeklügelte PPP-Modell in der Praxis mit den ganz zu Anfang vorgelegten Wirtschaftlichkeitsberechnungen nicht mehr das Mindeste zu tun hat. Der dringend benötigte Besucher kommt auch nicht in größeren Zahlen, und die Zufriedenheit derer, die kommen, strebt auch nicht unbedingt himmelwärts. So hatte sich das keiner der Beteiligten vorgestellt. Der Gemeindebürgermeister nicht, der Rat nicht, der Investor und/oder Betreiber nicht und die Besucher schon gar nicht. Ein Horrorszenario fürwahr. Aber nicht das erste, das Wirklichkeit würde. Aber muss das so sein? Oder kann nicht irgendwo laut der Ruf erschallen: „Wir können auch anders!“? Diesem Problemkreis geht h+k_professional in einer Serie nach. In einer Prozessbeobachtung werden wir einer Bad-Idee von ihrer Zündung über ihre Modifikation, ihre Fassung in Beschlüsse, die Findung eines Planers und Betreibers, dem ersten Spatenstich bis über die Eröffnung hinaus zum laufenden Betrieb, quer durch den kommunalpolitischen Dschungel folgen.

Diese Möglichkeit hat h+k_professional der Stadt Boppard gegeben. Der Bürgermeister Dr. Walter Bersch hat in ausführlichen Gesprächen Einblick in das politische Mahlwerk einer Gemeinde gegeben, die ein defizitäres Bad hat. Einer Gemeinde, die ein neues Bad gerade umsetzt. Einer Gemeinde, die auch, aber nicht nur, aufgrund der parteilichen Mehrheitsverhältnisse eine geradezu ungewöhnliche Pragmatik bei der Badplanung an den Tag legt und so Impulse für andere Städte und Gemeinde zu geben vermag. Das Ganze wird durch Gespräche mit dem Planer und Betreiber des Bades, der „monte mare GmbH“ aus Rengsdorf, ergänzt.

Die Bopparder Ausgangssituation

Boppard ist ein touristischer Anziehungspunkt und liegt am oberen Mittelrhein, im nordöstlichen Rheinland-Pfalz. Die Stadt hat knapp 17.000 Einwohner. Der Rat der Stadt setzt sich zusammen aus 15 CDU-, zehn SPD-Abgeordneten, aus je zwei Abgeordneten der Bürgergruppe Boppard, Die Grünen, Bürger für Boppard und einem Abgeordneten der FDP. Bürgermeister ist im elften Jahr das SPD-Mitglied Dr. Walter Bersch. Boppard verfügt derzeit sowohl über ein Hallen- als auch ein Freibad. Das Hallenbad verfügt über ein Schwimmbecken mit Turm (25 x 12,5 Meter) und ein Nichtschwimmerbecken mit Kinderrutsche (12,5 x 8 Meter). Das Freibad bietet eine großzügige Liegewiese, weist einen schönem Baumbestand, ein Beach-Volleyballfeld, einen Sandkasten, Kinderspielgeräte und einen Kiosk auf. Zudem verfügt das Bad über ein 50-Meter Schwimmbecken mit einer Tiefe zwischen 1,60 und 2,20 Meter. Es gibt ein Spiel- und Spaßbecken mit einer Tiefe zwischen 0,60 und 1,30 Metern mit Wasserspielgeräten sowie ein Babyplanschbecken mit einer Tiefe bis zu 0,60 Meter. Weiterhin gibt es ein 3,80 Meter tiefes Sprungbecken mit einem 1-Meter-Brett, einem 3-Meter-Brett und einer 5-Meter-Plattform. Die Bopparder Badetradition reicht zurück bis in die Römerzeit. Damals gab es ein ausgedehntes Militärbad, dessen Fundamente noch heute unter dem Pflaster des Marktplatzes liegen.
Die Bäder werden auch von zahlreichen Schulen und Wassersport treibenden Vereinen genutzt. Davon hat Boppard einige, unter anderem die größte DLRG-Gruppe im nördlichen Rheinland-Pfalz. Von daher ist auch eine sehr starke Pressure-Group bezüglich aller Badbauideen in der Stadt wirksam.

Wenn eine Idee Gestalt annimmt

Der Wunsch, an der Bopparder Badsituation etwas zu verändern, reicht zurück bis in die ausgehenden 80er-Jahre. Dr. Walter Bersch skizziert die Ideengeschichte. „Irgendwann ist der jährliche Zuschussbedarf erheblich gestiegen. Der lag in den letzten zehn Jahren bei 600.000 Euro per anno. Das hatte etwas mit dem Alter der Bäder zu tun. Das Freibad ist 1962 gebaut worden. Mitte der 70er Jahre kam dann das Hallenbad hinzu. Letzteres wurde Anfang der 80er Jahre noch mal dachsaniert. Aus dieser Zeit stammt auch die erste Idee, die Badkonzeption für Boppard zu verändern. Das Ziel war, die Wasserflächen und damit die Kosten zu reduzieren, ein Kombibad sollte es sein. Diese Planung hat keinerlei Akzeptanz gefunden, weder im Rat noch in der Bevölkerung, insbesondere auch nicht bei den Wassersport treibenden Vereinen.“
Dies zeigt, wie wichtig es bei den Planungen ist, die unterschiedlichen Bedürfnislagen zu kennen. Bürgernähe heißt das Zauberwort. Der zweite Aspekt, der hier deutlich aufgezeigt wird, ist der der Wirtschaftlichkeit. Ein Badneubau ist eindeutig eine Großmaßnahme. Auch das hat Dr. Walter Bersch ganz klar vor Augen. „ Wenn wir etwas machen, was sowohl der Bedürfnislage entspricht und andererseits auch eine hohe Wirtschaftlichkeit verspricht, dann muss das eine Investition sein, die über zehn Millionen Euro liegt. Mir war wiederum klar, dass geht nur mit Unterstützung des Landes.“ Hier wird deutlich, dass es keinen Sinn macht, sich bei der Höhe der Investitionen etwas in die Tasche zu lügen. „Denn wenn die Investitionen nicht auf die Höhe der Zeit führen, kann das Ziel der Wirtschaftlichkeit nie und nimmer erreicht werden. Das Defizit bleibt dementsprechend hoch. Es ist oft festzustellen, dass an manchen Orten nicht unbeträchtlich in Bäder investiert wird. Aber diese Investitionen führen nicht dazu, dass ein einziger zusätzlicher Besucher kommt“, fügt Dr. Bersch hinzu.

Die konkrete Planung beginnt

Planung, auch wenn sie konkreter wird, hat immer etwas mit Schätzung und damit etwas mit Restrisiko zu tun. Auch dabei geht es natürlich um den finanziellen Aspekt. Alles Blickwinkel, die auch in Boppard eine Rolle spielen mussten. „Die Politik geht gerne auf Nummer sicher und ist dann sehr, sehr vorsichtig. Wenn wir als Stadt so etwas Großes planen, sind wir im Grunde genommen überfordert. Daraufhin haben wir uns beraten lassen und auch eine Planungsstudie in Auftrag gegeben. Als Fazit aus allem Vorgelegten kann gesagt werden, so richtig klüger sind wir danach auch nicht gewesen. In einem weiteren, daraus resultierenden Schritt haben wir uns dann entschlossen, jemanden zu finden, der nicht nur gut plant, sondern nachweislich auch gut betreibt. Dabei haben wir uns das Bremer-Stadtmusikanten-Prinzip zu eigen gemacht, das da lautet, lass uns gemeinsam des Weges gehen, etwas Besseres als den Tod finden wir allemal“, beschreibt Dr. Walter Bersch die nächsten Schritte. Bei diesem Prinzip sticht das Wort „gemeinsam“ ins Auge. Das heißt nichts anderes als die Stadt will sich nicht aus der Verantwortung stehlen. „Nein, das ist nicht unsere Herangehensweise. Da wir durch einen Landeszuschuss in den Bereich der öffentlichen Förderung gekommen sind, konnten wir auch nicht das klassische PPP-Modell ausschreiben. Das wollten wir aber auch gar nicht. Die Erwartung, dass wir ein sich selbst tragendes Schwimmbad bekommen, diese Erwartung haben wir nicht. Ziel ist es vielmehr, dass wir unser bisheriges Defizit mindestens halbieren. Neben der Wirtschaftlichkeit hat die Kommune auch immer den Aspekt der Daseinsvorsorge zu berücksichtigen. Dabei bringen wir uns dadurch ein, dass wir sagen, wir reden bei den Eintrittspreisen mit, wir stellen sicher, dass Schul- und Vereinsschwimmen in der bisherigen Form möglich ist. Auch wird es weiterhin ein 50 Meter-Becken geben. Auch das haben wir gerechnet, was sparen wir, wenn wir statt des 50 Meter-Beckens nur ein 25 Meter-Becken bauen? Es ist nicht so viel. Ich fest davon überzeugt, dass sich der „Tribut“ an die DLRG für uns bezahlt macht. Und dafür bezahlen wir Geld“, stellt Dr. Bersch unmissverständlich klar.

Der geeignete Partner für Planung und Betrieb

Dies alles muss auch seinen Niederschlag in der Vertragsgestaltung finden; denn wie bereits erwähnt, die gängigen 08/15-Verträge taugen für den Bopparder Denkansatz nicht. Doch bevor es zum Vertrag kommen kann, muss ein geeigneter Partner gesucht werden, der all diese nicht unerheblichen Vorgaben zu erfüllen bereit ist. Wichtig ist dabei immer, dass man auf gleicher Augenhöhe verhandelt. „Das muss auf Boppard bezogen, jemand sein, der nicht irgendwo in der Weltgeschichte tätig ist, sondern auch in der näheren Umgebung ein bestimmtes Renommee hat. Das ist in unserem Fall die Firma „monte mare GmbH“. Aus unserer Sicht ist das jemand, der ansprechende Bäder plant, die auch angenommen werden, und das nachweislich. Und jemand, der auch bereit ist, das von ihm selbst geplante Bad zu unseren Konditionen zu betreiben. „monte mare GmbH“ hat aus unserer Sicht ein Know-how und einen strategischen Vorteil, den eine Kommune gar nicht haben kann“, führt Dr. Bersch aus. Folglich kann es auch nur ein Gesellschaftsmodell geben, in dem die Stadt Boppard und die „monte mare GmbH“ gleichermaßen vertreten sein. Im Gesellschaftervertrag soll unter anderem geregelt werden, dass die Stadt Eigentümerin der Immobilie ist und bleibt. Die städtischerseits notwendige Investition wird in Form des Landeszuschusses an die Gesellschaft eingebracht.

 

Quelle: h+k professional - 4/2008

 

 

 
 
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