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Deutschland – einig Wellnessland!?
Ein launiges Gespräch
Martina Frenzel: Deutschland einig Wellnessland.
Das ganze Land übersäht mit Wellness
und Sauna-Anlagen. Jedes Fitnessstudio schreibt
sich Wellness auf die Fahnen, Kosmetikstudios
arbeiten mit dem Begriff Wellness und lassen
sich eine Spa-Wanne einbauen. Hoteliers
versuchen, für ihre kostspielige Wellness-Anlage
Tagesgäste zu bekommen und riesige
Spas eröffnen luxuriöse Anlagen
und Markenartikler wie Nivea eröffnen,
wie kürzlich am Hamburger Jungfernstieg,
ganze „Spa-Häuser“. Nicht
zu vergessen, nahezu jedes Hallenbad eines
regionalen Vorortes baut einen Saunagarten
oder eine Saunaanlage an. Die privaten Saunabetriebe
und Wellnesshotels müssen ächzend
weiter investieren um mithalten zu können,
was nach Basel II schwierig geworden ist.
Wer von den Betreibern ins Rentenalter kommt,
findet oft keinen Nachfolger. Saunabetriebe
schließen sang- und klanglos, ohne
dass irgendjemand diesen Vorreitern der
Saunakultur eine Träne nachweinen würde.
Wann ist es genug? Ist der Bedarf bereits
gedeckt?
Franz X.A. Zipperer:
Zunächst geht es doch nicht in erster
Linie darum, ob der Bedarf gedeckt ist,
sondern wie er gedeckt wird. Und in dieser
Art und Weise der Bedarfsdeckung liegt eben
vieles im Argen. Landauf, landab wird in
anderen Angebotsbranchen über die Aufstellung
von Bedarfsplänen geredet. Warum nicht
auch im Bäder-, Thermen- und Saunabereich?
Es muss nicht an jedem Fuchsloch eine derartige
Anlage in voller Pracht und Größe
erstrahlen. Manche davon ist eher ein Denkmal
für einen Politiker denn eine sinnvolle
Investition. Vom kompletten ökologischen
Unsinn in Bezug auf Verschwendung von Wasser
und Energie ganz zu schweigen.
Martina Frenzel:
Die Bereiche Wellness, Sauna, Baden und
Gesundheit, Sport und Fitness fließen
immer mehr ineinander über. Wie kann
heute jeder Betrieb noch ein Alleinstellungsmerkmal
finden? Oft werden ja Ideen kopiert, statt
eigene Ideen zu entwickeln. Funktioniert
ein Betrieb nach einem bestimmten Konzept
gut, wird dieses oft von der Nachbargemeinde
einfach so kopiert.
Franz X.A. Zipperer:
Leider ist das so. Und wozu führt das?
Zu nichts anderem als zur Marktteilung und
zu dem Fakt, dass dann zwei Einrichtungen
wirtschaftlich erfolglos sind. Das Problem,
ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, muss
keines sein. Eine Lösung ist zunächst
eine vernünftige Analyse des Ist-Zustandes,
und von da aus kann kreativ weiter gedacht
werden. Und dies vor allem in Bezug auf
die in der Analyse aufgezeigten Nischen,
die es dann zu besetzen gilt.
Martina Frenzel:
Ja, zunächst muss die Zielgruppe genau
definiert werden. Viele Betriebe, die versuchen,
potenziell alle Gäste gleichzeitig
glücklich zu machen, haben Schwierigkeiten.
Dann gibt es beispielsweise die Versuche
der regionalen Spezialisierung. Es gab Zeiten,
da versuchte man, Thalasso-Therapie in den
Bergen anzubieten und bayrische Heubäder
am Meer. Oft fehlt auch die Phantasie gastronomisches
Angebot, Wellnessanwendungen, Sauna und
Ambiente mit einem eigenen Charakter auszustatten.
Wie kann man sonst noch einen eigenen kreativen
Weg finden?
Franz X.A. Zipperer: Die Zielgruppe
muss gar nicht definiert werden oder vielleicht
auf neue, andere Art. Denn die Gäste
leben bereits im Einzugsgebiet von schon
bestehenden oder zu planenden Anlagen. Da
kann sicherlich davon ausgegangen werden,
dass die Wünsche einerseits so individuell
sind, wie es am Ort Menschen gibt. Aber
genau das birgt die Chancen der Nischenkultur
nach dem Prinzip, es lebe der Unterschied.
Die Beachtung dieses Nischenkulturgedankens
verhindert das wilde Drauflosmixen von Angeboten
und Stilen, von Gastronomiespecials und
Serviceeinrichtungen, die im Zweifelsfall
kein Mensch braucht. Während sich das
ganz normale Bad zum Beispiel auf regionale,
stets frisch zubereitete Küche beschränken
könnte, so könnte sich ein spezifisches
Saunabad auf spanisches Flair mit Tapas
in der Gastronomie kaprizieren. Allein an
diesen zwei Beispielen lässt sich zeigen,
die Nische ist keine Beschränkung,
sondern trägt zur Vielfalt bei und
fördert auch noch den Besucheraustausch
zwischen den einzelnen Anlagen und damit
letztlich die Zufriedenheit aller.
Martina Frenzel:
Um einen eigenen Weg zu finden, sollte man
einerseits den besonderen Trend berücksichtigen,
dass sich momentan alle Menschen mehr für
Ihre Gesundheit interessieren und wirklich
etwas dafür tun wollen. Das bedeutet
mehr, als nur das klassische Verwöhntwerden.
Andererseits sollten klassische Ziele nicht
vernachlässigt werden, wie das Ziel,
den Kindern der Region das Schwimmen beizubringen.
Was heißt es denn, den Ist-Zustand
einer Anlage bewerten? Die Bewertung kann
ja sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem
welche Wellness-Anschauung man pflegt.
Franz X.A. Zipperer:
Der Ist-Zustand ist zunächst eine Bestandsaufnahme
dessen, was in einem vernünftigen Entfernungsumfeld
bereits verfügbar ist. Gibt es beispielsweise
ein Sportbad, das sich optimieren lässt,
so sollte in Richtung Sportnutzung optimiert
werden; denn der Aufwand ist vermutlich
am geringsten. Vereine können dort
trainieren, Wettkämpfe können
stattfinden, Schulen können ihre Schwimmstunden
abhalten und der private sportlich orientierte
Schwimmer wird dort auch sein Zuhause finden.
Ergänzt werden kann das Bad durch alle
peripheren Einrichtungen, die dazu Ergänzungen
liefern können, ein Kraftraum etwa.
Der kleine Saunabadbetreiber, der beim Gedanken
an Investitionen der Kommune in eine Saunaanlage
ins Schwitzen gerät, kann sich so ganz
auf den Gesundheits- und Vorsorgeaspekt
konzentrieren. Voraussetzung ist allerdings,
dass neben die Analyse der Dialog tritt.
Martina Frenzel:
Genau, den Kommunen sollte es zur Pflicht
gemacht werden, alle Anbieter von Wellness,
Sauna und Sportanlagen in ihrer Region an
einen Tisch zu setzen. So könnten die
Zielgruppen genau abgestimmt werden und
an die Stelle von Konkurrenz auch Kooperation
treten. Das könnte dazu führen,
dass Mitglieder des Fitnessstudios der Sauna-Eintritt
rabattiert wird. Umgekehrt bekommen die
Saunagäste einen Bonus beim Fitnessstudio.
Sogar ein regionales Gesundheits-Bonussystems
wäre denkbar wie das im Umfeld von
Bonn bereits praktiziert wird. Auch die
regionalen Fördergelder könnten
nach dem Zielgruppen-Prinzip verteilt werden
und damit nicht nur einseitig die kommunalen
Einrichtungen gefördert werden.
Franz X.A. Zipperer:
Eine solche Herangehensweise könnte
zu einem Plan kommunaler und regionaler
Daseinsvorsorge dieser spezifischen Art
führen. Er würde durch Kommunikation
Interessenausgleiche vornehmen sowohl zwischen
den Anbietern von Anlagen als auch von Nutzern
der Anlagen. So könnten auch andere
in diesem Zusammenhang vernachlässigte
Aspekte mit einbezogen werden, etwa ökologische,
so der der Energieeffizienz oder der des
Umgehens mit der knappen Ressource Wasser.
Eine ganzheitliche Herangehensweise im Hinblick
auf Mensch und Natur ist unbedingt und ohne
Kompromisse vonnöten.
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