h+k professional Ausgabe Oktober 07- Deutschland einig Wellnessland

 


Deutschland – einig Wellnessland!?

Ein launiges Gespräch


Martina Frenzel: Deutschland einig Wellnessland. Das ganze Land übersäht mit Wellness und Sauna-Anlagen. Jedes Fitnessstudio schreibt sich Wellness auf die Fahnen, Kosmetikstudios arbeiten mit dem Begriff Wellness und lassen sich eine Spa-Wanne einbauen. Hoteliers versuchen, für ihre kostspielige Wellness-Anlage Tagesgäste zu bekommen und riesige Spas eröffnen luxuriöse Anlagen und Markenartikler wie Nivea eröffnen, wie kürzlich am Hamburger Jungfernstieg, ganze „Spa-Häuser“. Nicht zu vergessen, nahezu jedes Hallenbad eines regionalen Vorortes baut einen Saunagarten oder eine Saunaanlage an. Die privaten Saunabetriebe und Wellnesshotels müssen ächzend weiter investieren um mithalten zu können, was nach Basel II schwierig geworden ist. Wer von den Betreibern ins Rentenalter kommt, findet oft keinen Nachfolger. Saunabetriebe schließen sang- und klanglos, ohne dass irgendjemand diesen Vorreitern der Saunakultur eine Träne nachweinen würde. Wann ist es genug? Ist der Bedarf bereits gedeckt?

Franz X.A. Zipperer: Zunächst geht es doch nicht in erster Linie darum, ob der Bedarf gedeckt ist, sondern wie er gedeckt wird. Und in dieser Art und Weise der Bedarfsdeckung liegt eben vieles im Argen. Landauf, landab wird in anderen Angebotsbranchen über die Aufstellung von Bedarfsplänen geredet. Warum nicht auch im Bäder-, Thermen- und Saunabereich? Es muss nicht an jedem Fuchsloch eine derartige Anlage in voller Pracht und Größe erstrahlen. Manche davon ist eher ein Denkmal für einen Politiker denn eine sinnvolle Investition. Vom kompletten ökologischen Unsinn in Bezug auf Verschwendung von Wasser und Energie ganz zu schweigen.

Martina Frenzel: Die Bereiche Wellness, Sauna, Baden und Gesundheit, Sport und Fitness fließen immer mehr ineinander über. Wie kann heute jeder Betrieb noch ein Alleinstellungsmerkmal finden? Oft werden ja Ideen kopiert, statt eigene Ideen zu entwickeln. Funktioniert ein Betrieb nach einem bestimmten Konzept gut, wird dieses oft von der Nachbargemeinde einfach so kopiert.

Franz X.A. Zipperer: Leider ist das so. Und wozu führt das? Zu nichts anderem als zur Marktteilung und zu dem Fakt, dass dann zwei Einrichtungen wirtschaftlich erfolglos sind. Das Problem, ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, muss keines sein. Eine Lösung ist zunächst eine vernünftige Analyse des Ist-Zustandes, und von da aus kann kreativ weiter gedacht werden. Und dies vor allem in Bezug auf die in der Analyse aufgezeigten Nischen, die es dann zu besetzen gilt.

Martina Frenzel: Ja, zunächst muss die Zielgruppe genau definiert werden. Viele Betriebe, die versuchen, potenziell alle Gäste gleichzeitig glücklich zu machen, haben Schwierigkeiten. Dann gibt es beispielsweise die Versuche der regionalen Spezialisierung. Es gab Zeiten, da versuchte man, Thalasso-Therapie in den Bergen anzubieten und bayrische Heubäder am Meer. Oft fehlt auch die Phantasie gastronomisches Angebot, Wellnessanwendungen, Sauna und Ambiente mit einem eigenen Charakter auszustatten. Wie kann man sonst noch einen eigenen kreativen Weg finden?

Franz X.A. Zipperer: Die Zielgruppe muss gar nicht definiert werden oder vielleicht auf neue, andere Art. Denn die Gäste leben bereits im Einzugsgebiet von schon bestehenden oder zu planenden Anlagen. Da kann sicherlich davon ausgegangen werden, dass die Wünsche einerseits so individuell sind, wie es am Ort Menschen gibt. Aber genau das birgt die Chancen der Nischenkultur nach dem Prinzip, es lebe der Unterschied. Die Beachtung dieses Nischenkulturgedankens verhindert das wilde Drauflosmixen von Angeboten und Stilen, von Gastronomiespecials und Serviceeinrichtungen, die im Zweifelsfall kein Mensch braucht. Während sich das ganz normale Bad zum Beispiel auf regionale, stets frisch zubereitete Küche beschränken könnte, so könnte sich ein spezifisches Saunabad auf spanisches Flair mit Tapas in der Gastronomie kaprizieren. Allein an diesen zwei Beispielen lässt sich zeigen, die Nische ist keine Beschränkung, sondern trägt zur Vielfalt bei und fördert auch noch den Besucheraustausch zwischen den einzelnen Anlagen und damit letztlich die Zufriedenheit aller.

Martina Frenzel: Um einen eigenen Weg zu finden, sollte man einerseits den besonderen Trend berücksichtigen, dass sich momentan alle Menschen mehr für Ihre Gesundheit interessieren und wirklich etwas dafür tun wollen. Das bedeutet mehr, als nur das klassische Verwöhntwerden. Andererseits sollten klassische Ziele nicht vernachlässigt werden, wie das Ziel, den Kindern der Region das Schwimmen beizubringen. Was heißt es denn, den Ist-Zustand einer Anlage bewerten? Die Bewertung kann ja sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem welche Wellness-Anschauung man pflegt.

Franz X.A. Zipperer: Der Ist-Zustand ist zunächst eine Bestandsaufnahme dessen, was in einem vernünftigen Entfernungsumfeld bereits verfügbar ist. Gibt es beispielsweise ein Sportbad, das sich optimieren lässt, so sollte in Richtung Sportnutzung optimiert werden; denn der Aufwand ist vermutlich am geringsten. Vereine können dort trainieren, Wettkämpfe können stattfinden, Schulen können ihre Schwimmstunden abhalten und der private sportlich orientierte Schwimmer wird dort auch sein Zuhause finden. Ergänzt werden kann das Bad durch alle peripheren Einrichtungen, die dazu Ergänzungen liefern können, ein Kraftraum etwa. Der kleine Saunabadbetreiber, der beim Gedanken an Investitionen der Kommune in eine Saunaanlage ins Schwitzen gerät, kann sich so ganz auf den Gesundheits- und Vorsorgeaspekt konzentrieren. Voraussetzung ist allerdings, dass neben die Analyse der Dialog tritt.

Martina Frenzel: Genau, den Kommunen sollte es zur Pflicht gemacht werden, alle Anbieter von Wellness, Sauna und Sportanlagen in ihrer Region an einen Tisch zu setzen. So könnten die Zielgruppen genau abgestimmt werden und an die Stelle von Konkurrenz auch Kooperation treten. Das könnte dazu führen, dass Mitglieder des Fitnessstudios der Sauna-Eintritt rabattiert wird. Umgekehrt bekommen die Saunagäste einen Bonus beim Fitnessstudio. Sogar ein regionales Gesundheits-Bonussystems wäre denkbar wie das im Umfeld von Bonn bereits praktiziert wird. Auch die regionalen Fördergelder könnten nach dem Zielgruppen-Prinzip verteilt werden und damit nicht nur einseitig die kommunalen Einrichtungen gefördert werden.

Franz X.A. Zipperer: Eine solche Herangehensweise könnte zu einem Plan kommunaler und regionaler Daseinsvorsorge dieser spezifischen Art führen. Er würde durch Kommunikation Interessenausgleiche vornehmen sowohl zwischen den Anbietern von Anlagen als auch von Nutzern der Anlagen. So könnten auch andere in diesem Zusammenhang vernachlässigte Aspekte mit einbezogen werden, etwa ökologische, so der der Energieeffizienz oder der des Umgehens mit der knappen Ressource Wasser. Eine ganzheitliche Herangehensweise im Hinblick auf Mensch und Natur ist unbedingt und ohne Kompromisse vonnöten.

 

 




 

 

 
 
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