Archiv für Wellness-Begeisterte


Medical Wellness


Auf Definition folgt Diskussion


Text: Ulla Robbe

Sie haben ein gemeinsames Ziel, dennoch streiten sich Institutionen und Verbände über die Definition des Begriffes Medical Wellness. Einigkeit herrscht darüber, dass das Wort Wellness – ebenso wie der Begriff Bio – schon lange inflationär ist. Überstrapaziert, hohl und nichtssagend. Erst recht die Kombination aus beidem: „Bio-Wellness-Sandalen“ sind die Ladenhüter der Nation. Jetzt gibt es etwas scheinbar Neues, und wenn die Verantwortlichen nicht aufpassen, wird die Medical Wellness ein ähnliches Schicksal ereilen. Erste Ansätze gibt es schon: Das Nordseeheilbad St. Peter Ording wirbt mit „High Medical Wellness“, um sich von der gemeinen „Medical Wellness“ abzuheben.

Die Suchmaschine Google findet 177 Millionen Treffer, wenn man „Wellness“ editiert, und „Medical Wellness“ bringt es schon auf fast 14 Millionen. Einträge. Also galt es, den Begriff zu definieren und klare Richtlinien zu schaffen. „In Deutschland wird es künftig eine allgemein gültige Definition der Medical Wellness geben“, sagte der Chef des Biotechnologie-Verbundes BioCon Valley, Horst Klinkmann, zum Abschluss des 1. Deutschen Medical-Wellness-Kongresses Ende Januar in Berlin. Zuvor hatte Klinkmanns Präsentation der unterschiedlichen Vorschläge zum Thema „Definition von Medical Wellness“ noch den Titel „Versuch eines Konsensus“.

Klinkmann zufolge hätten sich die wichtigsten Verbände der Branche nun auf folgende Definition geeinigt: „Medical Wellness beinhaltet gesundheitswissenschaftlich begleitete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens durch eigenverantwortliche Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Motivation zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil.” Die neue Medical-Wellness-Definition werde u. a. getragen vom Deutschen Tourismusverband, dem Deutschen Wellness- sowie dem Medical Wellness Verband, dem Deutschen Heilbäderverband und dem Deutschen Turnerbund.

Es gibt aber auch kritische Stimmen: „Wir sind mit der Definition, die in Berlin entwickelt wurde, nicht ganz einverstanden“, betont Detlef Jarosch vom Europäischen Gesundheitszentrum für Naturheilverfahren, Sebastian Kneipp Institut. „Medical Wellness allein ist eine Worthülse, die mit Inhalt gefüllt werden muss.“ Das sei bei der Definition nicht gelungen. Es heiße nicht etwa „ärztlich betreut“ sondern lediglich „gesundheitswissenschaftlich betreut“. Das genüge den Ansprüchen des Kneipp Institutes nicht. Jaroschs Einwand ist nicht unbegründet: Hatten doch auch die Bundesvereinigung für Gesundheit sowie der Deutsche Turnerbund in ihrem Definitionsvorschlag „nachweislich gesundheitsbezogene Fachkompetenz“ gefordert; der Deutsche Heilbäderverband „medizinisch seriöse, fachlich fundierte Angebote“; der Deutsche Wellness Verband „Angebote auf Grundlage medizinischer Fachkompetenz“ und der Deutsche Medical Wellness Verband immerhin noch „gesundheitsbezogene Fachkompetenz“.

Viele Betriebe der Wellness-Branche würden sich von der neuen Definition angesprochen fühlen, zeigte sich Klinkmann in Berlin zuversichtlich. Sie könnten sich damit von den Wellness-Einrichtungen abgrenzen, bei denen der gesundheitliche Aspekt nur eine untergeordnete Rolle spiele, und Medical-Wellness-Gäste bekämen „die Sicherheit, eine optimale, medizinisch fundierte Behandlung zu erhalten“, so der Professor. Auf Basis der neuen Definition könnten sich Betriebe wie Reha-Kliniken oder Hotels zertifizieren lassen. Dazu Michael Altewischer, Geschäftsführer der Wellness-Hotels-Deutschlands: „Das ist ja gerade das Problem – bei allem Respekt: Die Definition ist wachsweich und öffnet allen möglichen Institutionen Tür und Tor, für viel Geld irgendwelche Siegelchen zu vergeben.“ Aus diesem Grunde habe auch der Hotelverband Deutschland (IHA) dagegen protestiert.

Laut Altewischer sei der Begriff Wellness ganzheitlich zu betrachten. Bereits seit 1972 gebe es eine Definition von Wellness, die medizinisch präventiv ausgerichtet sei. „Meines Erachtens hat man den holistischen Ansatz von Wellness bis heute nicht erfasst“, so der Experte. Die Berliner Definition von Medical Wellness bleibe weit hinter den Ansprüchen der mehr als 30 Jahre alten Definition von Wellness zurück. „Nach Dr. John Travis basiert Wellness auf einem klaren Verantwortungsgefühl für Gesundheit und umfassende Lebensqualität. Zudem umfasst Wellness die körperlichen, seelischen und geistigen Aspekte des Seins. Das ist laut Travis immer verbunden mit persönlicher Exzellenz in Fitness, Zeit- und Stressmanagement wie auch einem konstruktiven Umgang mit sich selbst und persönlicher Wertschätzung.“

Der Begriff Medical Wellness ist einer breiten Mehrheit als Begriff geläufig, so das Ergebnis einer Studie des Europäischen Gesundheitszentrum für Naturheilverfahren, Sebastian Kneipp Institut. Knapp 40 Prozent der befragten Kur- und Wellnessbetriebe verbinden ihn mit der „Kombination aus Wellness und medizinischen Anwendungen. Über die Hälfte sieht in Medical Wellness einen ernstzunehmenden Trend. Die Chancen, die sich hieraus ergeben, werden von den Betrieben durchweg mit großer Mehrheit als positiv bewertet: Knapp 70 Prozent erwarten hieraus einen grundlegend positiven Effekt auf die Gästezahlen. Mittelfristig geht der Trend aus Sicht der Mehrheit der Teilnehmer hin zu Konzepten, die im Sinne der Gesundheit ganzheitliche Anwendungen und eine klare Orientierung bieten. Zudem wird erwartet, dass medizinische Anwendungen und Therapien wieder mehr Bedeutung erlangen. Der Bezug zur Natur und natürlichen Heilmitteln sowie mehr Authentizität in der Anwendung werden mittelfristig stärker in den Fokus rücken.

Qualitätsstandards und Gütesiegel werden aus Sicht der Teilnehmer als wichtige Orientierungshilfe für die Gäste sowie als Differenzierungsmerkmal bewertet. Im Rahmen einer zunehmenden Anzahl an Gütesiegeln ist deren Bekanntheit jedoch unterschiedlich gelagert. Insgesamt können sich nur vereinzelt Prädikate hervorheben, die gleichzeitig auch unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt gut abschneiden. Qualitätsrichtlinien sind gerade für Medical Wellness wichtig, um sich von der allgemeinen und oft undifferenzierten Wellnesswelle deutlich abzuheben.

 











 
 
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